Um am
vorangegangenen Eintrag anzuknuepfen und aus gegebenem Anlass will ich ueber den Chor berichten, der mich hier aufgenommen hat.
Wie so mancher der Leser vielleicht weiss, habe ich eine grosse Leidenschaft fuer das gemeinsame Singen. Da mir Sachen meistens nur Spass machen, wenn sie gewissen Anspruechen genuegen, bin ich auch hier auf die Suche nach einem einigermassen guten Chor gegangen und eine Gruppe gefunden, die eigentlich nicht zu verachten ist.
Die Mitglieder der
Greystone Singers (Man beachte das neue Chorfoto!) sind vorwiegend Studenten aus den ersten Semestern, aber auch ein paar aeltere sind mit dabei. Das Durchschnittsalter ist dementsprechend bei vielleicht 21 Jahren. Die meisten sind Musikstudenten, die durch ihre Teilnahme am Chor wahrscheinlich eine Wahlpflichtveranstaltung, wie z.B. Ensemble, abhandeln. Dennoch ist die Gruppe ziemlich heterogen, so kommen zwei Leute aus der Physik, einige aus den Sprachen und weitere aus anderen Fachbereichen. Die Stimmung ist zu jeder Zeit sehr locker und nicht stressig, worunter die zum Proben noetige Konzentration aber nicht leidet.
Um in den Chor aufgenommen zu werden, muss man ein Vorsingen bestehen. Das alleine garantiert zwar noch nicht einen guten Klang oder eine gute musikalische Interpretation und Aufarbeitung der Werke, ist aber ein guter Schritt in diese Richtung. Und in der Tat klingt die Gruppe nicht allzu schlecht (meint: ziemlich gut), es fehlt mir notorisch Unzufriedenem aber immer noch das Tuepfelchen auf dem i, das es mir erlauben wuerde, befreit und zufrieden zu sein. Mit Sicherheit ist das aber auch dem engen Zeitplan zuzuschreiben, der einem Chor auferlegt ist, der nach der Sommerpause frisch zusammenkommt und gleich nach wenigen Wochen die ersten Konzerte bestreiten soll.
Verstaendlich ist auch, dass sich die Probenarbeit fuers erste auf Notenlernen und das Verstehen der Musik konzentrieren muss. Die Saenger sind schliesslich keine Profis, die alles vom Blatt lesen koennen. Die kontinuierliche Korrektur fuer einen besseren Klang und die Beharrlichkeit beim Suchen nach Verbesserung eines Stefan Claas fehlt mir doch ziemlich. Meiner Meinung nach, ist die Stimmbildung keine Draufgabe, die ein gutes Stueck noch weiter verbessern kann, sondern eine notwendige Vorraussetzung, dass das Stueck ueberhaupt gut werden kann. Wenn ich Stimmen in meiner Umgebung hoere, die einfach technisch ungeschickt und ungesund singen, laeuft es mir regelmaessig kalt den Ruecken hinunter. Leider wird wenig davon korrigiert.
Ich hatte das Glueck in der ersten Woche den deutschen Musikprofessor
Walter Kreyszig, der hier seit bald 20 Jahren lehrt, zufaellig kennenzulernen. Als ich ein Bewerbungsformular auf eine Tutorenstelle fuer Deutschstudenten beim Sekreteriat fuer die Sprachen abgeben wollte und dieses leider schon geschlossen hatte, habe ich Bekanntschaft geschlossen und bin gleich zu seiner Anfaengervorlesung ueber Musikgeschichte eingeladen worden, die ich aber mittlerweile wieder aufgegeben habe. Es hat sich allerdings noch einige Male die Gelegenheit zum Gespraech ergeben, bei der er ziemlich viel und ich ziemlich wenig gesagt habe, wie das so seine Art ist. Bei diesen Unterhaltungen, um zum Punkt zu kommen, hat er oft die "konservatoriumsartige" Lehrweise beklagt, die in Nordamerika gepflegt wird. Das meint beispielsweise, dass Regeln ueber die Ausfuehrung von Musik absolut sind (Wo ein Akzent steht, wird auch einer gemacht, egal ob er als Akzent gemeint ist oder nur den Sprachrhythmus einer fremden Sprache verdeutlichen soll. Alte Musik wird direkt transskribiert gelehrt ohne den Studenten Interpretationsfreiraeume zu lassen.) oder dass Konkurrenz in der Studentenschaft gefoerdert wird. Ich denke, darin ist auch die Arbeitsweise des Dirigenten zu begruendet: Zuvorderst wird an der Tonhoehe probiert, dann am Klang. Vielleicht mag ich mich auch irren, aber wenn einer der seltenen Hinweise auf bessere Tonformung gegebenwird, klingt der Chor gleich soviel besser - auch in Bezug auf Intonation! -, dass ich mich frage, warum das nicht gemerkt wird.

Ich hatte bisher zwei Auftritte mit den Greystones, die mir viel Spass gemacht haben. Den groessten Beitrag haben dazu wahrscheinlich die doch ziemlich geilen Roben gemacht, die wird zu diesen Gelegenheiten haben: gruener Samt mit Seidenfutter in beige, dazu ein cremefarbenes Halstuch, schwarze Hose und Schuhe. Wir sind uns einig, dass nur noch das Wappen von Slytherin auf der linken Brust fehlt. Als wir zum Fototermin vor das Gebaeude der Verwaltung marschiert sind, vorbei am Thorvaldson Building, ueber den Bowl mit all den interessiert schauenden Studenten, habe ich mich fast wie in Hogwarts gefuehlt.
Um die vielen Veranstaltungen und vor allem die Chorfahrt im Februar finanzieren zu koennen ist der Chor auf die Mithilfe der Saenger angewiesen. Dazu arbeiten die Leute auf freiwilliger Basis bei den verschiedensten Gelegenheiten fuer den Chor. So war beispielsweise ein universitaetsweites Fest vor zwei Wochen, wo man einige Sachen machen konnte. Der Lohn fuer die vier bis fuenf Stunden Arbeit ging dann in die Chorkasse.
Auch sonst wird fleissig ehrenamtlich geholfen. Heute war ich zum Beispiel bei einer Altistin zu Hause um mit ein paar anderen Leuten zusammen 1400 Briefe zu falten und zu kouvertieren. Die Briefe sind Einladungen und gingen an Alumni des Chores anlaesslich des 50-jaehrigen Bestehens des Chores. Man glaubt nicht, wie angenehm es ist, mal aus diesem Wohnheim herauszukommen und in einem normalen Haus ein paar Stunden mit netten Leuten zu verbringen, sehr erholsam!
Was ich dann allerdings wieder nicht verstehe, ist die Notwendigkeit verschiedener bezahlter Stellen fuer Chormitglieder, die per Wahl und auf freiwillige Nominierung vergeben werden. Da waere zum beispiel der Equipment Manager, der sich darum zu kuemmern hat, dass zu Probenbeginn, die korrekte Anzahl an Stuehlen auf der Buehne steht und wehe wenn nicht. Ein ueberzaehlicher Stuhl bekommt mindestens eine Minute Aufmerksamkeit. Bezahlt wird auch der Job des Solisten, des Begleiters am Piano, Schatzmeister und andere. Anfangs war ich doch ueber die teilweise rigide Organisation an der einen Stelle, die Planlosigkeit an anderer irritiert.
Trotz des Unbehagens, das ich manchmal empfinde, bin ich jedoch sehr froh, dem Chor beigetreten (bzw. aufgenommen worden zu sein) zu sein! Es ist schoen, zweimal die Woche etwas Musik zu machen, auch wenn bei 1,5 Stunden keine richtige Probenstimmung aufkommen kann. Die Leute sind sehr nett und auch wenn ich mir meinen eigenen Teil denke, kann ich ja immer noch Spass haben. Und den hab ich auch!